Die Flucht 1945: Ein Augenzeugenbericht

Flucht aus dem Samland, Winter 1945
Flucht aus dem Samland, Winter 1945

Im Winter 1945 endete die Geschichte der meisten Faltin-Familien in Ostpreussen, so auch diejenige der Familie des Autors dieser Webseite.

 

Dies sind die Erinnerungen von Lothar Faltin, dem Vater des Autors dieser Webseite. Lothar Faltin, wurde am 17.01.1937 in Mülsen, Kreis Fischhausen, Samland geboren. Wenige Tage nach seinem achten Geburtstag ist seine Mutter, Minna Faltin, geb. Behnert, mit ihm und seinem jüngeren Bruder Benno auf die Flucht gegangen. Der folgende Text ist ein Augenzeugenbericht. Er wurde daher ganz bewusst nicht editiert, sondern lediglich mit kleineren Anmerkungen in Form von Endnoten und Bildern ergänzt.

 

Erinnerungen an die Flucht (von Lothar Faltin).

Der Krieg rückte immer näher. Wochen bevor wir auf die Flucht gehen durften, fuhren die Flüchtlinge an unserm Haus vorbei. Der Gauleiter Koch hatte es verboten, rechtzeitig auf die Flucht zu gehen. Wer zuwider handelte, wurde bestraft. Die Kälte war fast unerträglich. Auf der Flucht sind viele Menschen erfroren. Erst gegen Ende Januar durften wir auf die Flucht gehen.

 

Es war ein eiskalter Tag, mit über -20 Grad (s. Endnote 1 und 2). Am frühen Nachmittag brachte ein Knecht vom Hof den Ackerwagen. Er war mit Stroh ausgelegt und hatte ein Strohdach. Ein Wagen war für zwei Familien gedacht. Wir luden nur die Betten und zwei Koffer mit dem Nötigsten auf. Es hieß, wir kommen bald zurück. Die Auflassung zur Flucht kam abends gegen 5 Uhr. Ich trug den Rucksack mit Schweineschmalz und selbst gebackenem Brot. Gegen 5 Uhr fiel der Strom aus. Es hieß, der Russe ist nur noch 5 km von unserem Dorf weg; denn  das Transformatorenhaus war ca. 5 km weit von Mülsen weg.

 

Bevor es los ging, sahen wir noch, wie die Soldaten vor unserem Haus eine Kanone aufbauten. Durch unseren Garten fuhren Panzer, und walzten die schönen Obstbäume nieder. Meine Mutter schimpfte auf die Soldaten, und sagte zu ihnen: ,,Sie sollen die Kanone wo anders Aufstellen, sonst schießen die Russen unser Haus kaputt.“ Sie lachten nur, und sagten: ,,Nach ein paar Schuss ist sie hin." Ein paar Tage vor der Flucht haben wir noch zwei Kisten mit Wäsche, Geschirr und Tafelsilber im Holzstall vergraben. Ein französischer Kriegsgefangener, mit Namen Talbot, hat dabei geholfen.

 

Gegen Mittag kamen die ersten deutschen Soldaten in unser Haus. Sie räumten unsere Speisekammer aus. Sie nahmen den Butterkuchen, Schinken und Speck mit. Sie sagten zu meiner Mutter, der Russe ist bald hier, und denen wollen wir nichts überlassen. Am Nachmittag hörten wir schon das Wummern der Granaten. Von unserem Haus aus, ca. 50 Meter entfernt, war ein Laufgraben ausgehoben. In ihm standen die Soldaten bei der eisigen Kälte.  Für uns war klar, dass sie hier einen Angriff erwarteten.

 

Gegen 17 Uhr fuhren wir los. Auf dem Wagen waren wir und die Familie Strehl, insgesamt 8 Personen. Den Wagen zogen 2 Pferde. Sie hatten schwer zu ziehen. Die Trecks durften nur die Feldwege benutzen, denn die Straßen mußten für Fahrzeuge der Wehrmacht frei gehalten werden.

 

Um Mitternacht wurde auf einem großen Gut angehalten. Die Pferde mußten versorgt werden.

Das ganze Gut war voller Flüchtlinge. Wir sollten im großen Kuhstall übernachten, denn hier war es warm. Die Kühe hatte man nach draußen gejagt. Es war furchtbar zu sehen wie die Kühe unter der Kälte litten. Im Gutshaus war für die Flüchtlinge Steckrübeneintopf gekocht. Als wir über den Hof gingen, mußten wir in Deckung gehen, denn das Gut wurde beschossen. Hier hatte ich beinahe meine Mutter verloren. Nach dem wir schnell gegessen hatten, wurde sofort angespannt und die Fahrt ging weiter. Es hieß, der Russe hätte mit seinen Panzern die deutsche Front durchbrochen.

 

Wir fuhren die ganze Nacht bis in den Morgen hinein. Den ganzen Tag hatten wir strahlenden Sonnenschein, aber es war eisig kalt. Plötzlich kamen russische Jagdflugzeuge. Sie schossen in die Trecks. Es gab viele Tote und verletzte. Einige Trecks brannten. Wir hatten Glück, und kamen unbeschadet davon. Uns kamen Volkssturmmänner entgegen. Sie waren bewaffnet mit Panzerfäusten und Karabinern. Es war ein verlorener Haufen, der nach Osten marschierte. Um die tödlich getroffenen Menschen kümmerte sich niemand. Auch die Verwundeten hatten kaum eine Chance, denn es gab kein Rotes Kreuz und kein Lazarett in der Nähe.

 

Gegen Mittag kamen wir in ein Dorf. Der Name is mir nicht bekannt. Wir wurden in einer Berufsschule untergebracht. Meine Mutter machte Feuer, und so konnten wir unser gefrorenes Brot auftauen, und das Zimmer warm machen. Die Dorfbewohner waren schon alle weg. Nach ein paar Tagen hieß es, da es unmenschlich kalt war, der Treck fährt weiter ohne die Frauen mit Kleinkinder. Wir fuhren mit Bussen weiter. Es waren leider zu wenig Busse da. Wir mußten uns in einer langen Schlange anstellen. Meine Mutter hatte sich immer weiter abdrängen lassen. Da kam mir die Idee,  mich langsam vorzudrängen.

 

Der letzte Bus war fast voll, da hob mich ein Soldat in brauner Uniform in den Bus. Meine Mutter stand noch weit hinten. Ich fing an laut zu weinen. Da fragte mich der Soldat, was ich denn hätte, ich sagte ihm, dass sie abgedrängt worden sei. Er rief meine Mutter heran, und sie durfte noch als letzte einsteigen. Ich war sehr glücklich. Als wir abfuhren, hörten wir schon wieder das Bellen der Panzerkanonen und das rattern der schweren MGs. Nach stundenlanger Fahrt, kamen wir in einen Ort, der lag in einer Senke. Leider ist mir auch der Name dieses Ortes nicht bekannt. Hier blieben  wir ein paar Tage.

 

In diesem Ort lag eine Panzereinheit der Waffen SS. Hier hatte ich ein sagenhaftes Erlebnis. Der Himmel war nachts sternenklar, als plötzlich russische Panzer auf einer Anhöhe auftauchten. Sie begannen zu schießen. Eine Scheune fing sofort Feuer. Die deutschen Panzer liessen ihre Motoren an und schwärmten sofort aus. Binnen kurzer Zeit hatten sie alle russischen Panzer abgeschossen.

 

Wir verpflegten uns mit dem was die ehemaligen Bewohner zurück gelassen hatten.

In der Ferne hörten wir immer das Grollen und Donnern der Geschütze. Nachts sahen wir am Himmel die Granaten ihre Bahnen ziehen. Wieder hatten wir das groß Glück, und sind gut davongekommen.

Nach ein paar Tagen, sind wir mit dem Zug, weitergefahren. Der Bahnhof lag außerhalb der Ortschaft. Auf dem Weg dahin, mußten wir über freies Gelände gehen. Plötzlich sahen wir die Einschläge, ca. 20 Meter von der Straße entfernt, auf einer Wiese. Der Russe schoss Sperrfeuer mit Maschinengewehren. Man sah das Dampfen der glühenden Kugeln im Schnee. Die Salven lagen  zum Glück zu kurz. Wir hatten einen Schutzengel, glaube ich.

 

Auf dem Bahnhof war ein großes Gedränge. Der Zug brachte uns bis zu einem Ort am Haff. Von hier aus kamen wir auf ein Schiff,  das uns nach Pillau brachte. Es war ein schöner Ausflugsdampfer. Die Fahrrinne wurde von einem  Eisbrecher freigehalten. Die Temperaturen waren noch immer um die  Minus 20 Grad. Wir mußten über  einen ca. 20 bis 30 Meter langen schmalen Steg bis zum Schiff gehen. Es war kein Geländer an den Seiten, und vom Steg zum Wasser waren es ca. 4 bis 5 Meter. Eine alte Frau fiel ins Wasser. Sie wurde mit einem Netz herausgefischt. Für meine Mutter waren es sehr große Strapazen; denn sie trug einen Rucksack und einen großen Koffer. Mein kleiner Bruder hat sich eisern an ihrem Mantel festgehalten. Er war ja erst 3 1/2 Jahre alt. 

 

Als wir auf See waren, gab es plötzlich  Fliegeralarm. Die Flugabwehr hat die angreifenden Flugzeuge aufhalten können.  Viele Flüchtlinge, die zu Fuß, oder mit Pferd und Wagen über das zugefrorene Haff wollten, sind eingebrochen und ertrunken. Auch die russischen Flugzeuge haben schwere Angriffe geflogen. Auf dem Eis waren die Leute eine gute Zielscheibe.

 

Bei dem Ort am Haff, wo wir eingeschifft wurden, könnte es sich um Peyse gehandelt haben (s. Endnote 3). Denn  von hier aus bestand eine Fährverbindung nach Pillau. Auf dem Schiff wurde ich seekrank. Es war schrecklich. Ein Matrose sagte zu mir: "Junge, geh nach oben an die frische Luft!" An der frischen Luft ging es mir gleich besser. In Pillau, im Hafen fuhr gerade ein U-Boot raus. Vom Hafen aus, gingen wir in die Stadt, um uns eine Unterkunft zu suchen. Durch die vielen Fliegerangriffe war Pillau stark zerstört. Denn hier war auch der U-Boothafen und hier lag auch eine U-Boot-Lehrdivision.

 

Die Reise von Mülsen bis nach Pillau hat knapp 3 Wochen gedauert. Ich kann es nicht genau sagen. Es waren für alle große Strapazen.

 

 

Endnote 1

Wetterbericht  aus "Pillau, Chronik eines Untergangs",  Helmut Blocksdorf, 2000

"Mittwoch 17. Januar: Orkanartiger Sturm.

Freitag 19. Januar:  -10 Grad und Schneefall.

Montag 22. Januar: -20 Grad

Dienstag 23 Januar tags: -10 Grad, nachts -20 Grad

Mittwochs 24. Januar: -22 Grad den ganzen Tag über.

Donnerstag 25. Januar: Neuschnee, alles tief verschneit.

Sonntag 28. Januar: -30 Grad, dichter Schneefall und scharfer Nordostwind.

Montag 29. Januar: -25 Grad"

 

Endnote 2

Nach der Erzählung von Minna Faltin (der Mutter von Lothar Faltin) begann ihre Flucht am 25.01.1945 um 16:15 Uhr bei -20 Grad Celsius.

 

Endnote 3

Die Fluchtroute im Samland ist leider unklar. Minna Faltin erzählte von einem Aufenthalt in einem Ort namens Kritigehnen und einer Zugfahrt von Rauschen nach Pillau.

Bilder von der Flucht aus dem Samland

Pillau: die letzte Station in Ostpreussen

Flüchtlinge in Pillau, 1945
Flüchtlinge in Pillau, 1945

 

Ein paar kleine Erlebnisse aus Pillau:

 Als wir auf der Suche nach einem Quartier waren, kamen wir an einem kleinen Haus vorbei. Hier fegte ein altes Ehepaar vor ihrem Haus den Schnee vom Trittstein. Meine Mutter fragte sie, ob sie  denn gar nicht an Flucht denken? ,,Nein, sagten sie, wir sind schon zu alt. Wir wollen lieber in der Heimat sterben."

 

Die meisten Pillauer waren schon weg. Wir fanden eine Unterkunft in einem verlassenen Haus. Die Fenster waren alle zersplittert, und es zog fürchterlich. Wir stellten die Fenster mit Schränken zu, und machten ein Feuer im großen Kachelofen. Es wurde schnell wohlig warm. Jetzt brauchten wir nur noch was zu trinken. Ein Landser kam zufällig vorbei. Den bat meine Mutter uns doch Kaffee zu besorgen und Talglichter (Hindenburgkerzen). Wir hatten Glück, er beschaffte alles. Wir hatten schon mehrere Tage nichts Warmes mehr getrunken und gegessen.

 

Die  nächsten Tage kochte die Wehrmacht Eintopfgerichte für die Flüchtlinge. Das Leben wurde etwas  erträglicher. Fast jeden Tag liefen Schiffe, beladen mit Flüchtlingen, aus. Nach ein paar tagen war es dann so weit. Im Hafen ankerte ein riesiger Frachter. Wir gingen schon früh zum Hafen, und warteten darauf, mitgenommen zu werden. Es gab keine vernünftige Organisation. Bevor wir auf das Schiff durften, kam erst die Militärpolizei, sie suchten nach Männer, die sich eventuell mit auf das Schiff schleichen wollten. Sie fanden einen kräftigen Mann, der Frauenkleider an hatte. Er war aufgefallen, weil er einen sehr schweren Rucksack getragen hatte. Sie nahmen auch alle alten Männer mit, die noch einigermaßen laufen konnten.

 

Endnote 1

Pillau war am 6. Februar zum 1. mal unter Artilleriebeschuss gekommen. Am 7. Februar hatte die Wehrmacht das westliche Samland noch einmal freigekämpft.

Bilder aus Pillau 1945

Mit dem Schiff nach Warnemünde

Wer Glück hatte, bekam einen Platz auf dem Schiff. Alle anderen mussten auf das nächste Schiff warten. Wir waren drei Familien aus unserm Ort, die zusammen gehalten haben; wir hatten Glück auf das Schiff zu kommen. Wir wurden mit einem Schiffskran, an dem ein großer Behälter hing, in den Schiffsbauch gehievt. Der Laderaum war mit Stroh ausgelegt. Die Temperaturen waren erträglich.  Es gab auf dem Schiff nur kaltes Wasser zu trinken. Wir hatten zum Glück unser Brot und das Schmalz.

 

In der Mitte des riesigen Schiffs standen 2 große Behälter, hier wurde die Notdurft hineingeschüttet. Die Notdurft mußte man in einen Marmeladeneimer machen, und dann in den großen Behälter schütten. Der Behälter war ca. 1  1/2 Meter hoch und ca. 1 Meter breit. Ein ganz alter Mann mußte nötig, aber der Eimer war weit weg. Er stand auf und versuchte in den großen Behälter zu pinkeln. Der Druck war sicher groß, denn der Strahl ging über den Behälter. Der Strahl traf eine Mutter mit ihrem Kleinkind, die gerade ein paar Brote strich. Der Ärger war natürlich groß. Heute schmunzelt man darüber. Meine Mutter schenkte der Frau ein Stück Brot und Schmalz.

 

Wir etwas größeren Kinder, kletterten auf der langen Leiter nach oben auf das Deck. Wir durften uns im Maschinenraum etwas aufwärmen. Die See war sehr rau. An manchen Tagen schlugen die Wellen über das Deck. Die Reise sollte für uns in Swinemünde Westpreußen enden. Der Kapitän konnte den Hafen nicht anlaufen, weil er stark vermint war. Er fuhr dann weiter, bis nach Warnemünde. Warnemünde ist der Hafen von Rostock. Auf unserem Schiff waren wohl um die 1000 Leute. Es gab keine ärztliche Versorgung auf dem Schiff. Einige alte Leute starben. Niemand kümmerte sich darum. Es war für alle sehr hart.

Ankunft in Wolterdingen, Kreis Soltau

 

Nach ca. 1 Woche auf See, endete die Seereise in Warnemünde. Wir wurden ausgebootet, und dann lief das Schiff gleich wieder aus, in Richtung Osten. Wir waren glücklich und froh. Das Schicksal hatte es wieder gut mit uns gemeint. Im Hafen von Warnemünde standen die Züge schon bereit, um die Flüchtlinge weiter ins Reich zu transportieren.  (Es hieß nämlich, heim ins Reich).  

 

Es war Anfang März, als wir in Warnemünde ankamen. Die Sonne schien, und es war ein milder Tag.

Auf dem Bahnhof in Warnemünde, bekamen wir die erste warme Mahlzeit nach langer Zeit. Es war eine Gemüsesuppe, leider war sie etwas zu scharf gesalzen. Das Essen wurde vom Roten Kreuz ausgeteilt. Auch liefen viele Frauen in braunen Uniformen herum. Nach dem Essen mußten wir in den Zug steigen, und los ging die Fahrt. Der Zug fuhr über Rostock in Richtung Hamburg.  Der Bahnhof von Rostock war von Fliegern stark zerstört. Nach stundenlanger Fahrt lief der Zug in Hamburg ein. Nach einem kurzen Halt ging es weiter, in Richtung Hannover. In allen Ortschaften hielt der Zug. Hier mußten, je nach Größe des Ortes, einige Familien aussteigen. Einige bekannte Familien aus unserem Heimatdorf und wir, stiegen in Wolterdingen (Kreis Soltau  in Niedersachsen) aus. Wir wurden von Hilfskräften des Dorfes in Empfang genommen. Sie bestimmten auch, wo wir untergebracht wurden.

 

Wolterdingen wurde jetzt unsere neue Heimat. Für uns Kinder war es leicht, aber für meine Mutter  war es sehr schwer. Sie hat die Heimat, ihren Mann und alles wofür sie gelebt hat, verloren. Nur die Hoffnung, dass ihr Mann, unser Vater, wiederkommt, machte sie stark.

Leben in Wolterdingen - Anfang März 1945.

Wolterdinger Bürger müssen bei der Exhumierung von KZ-Opfern helfen, 1945
Wolterdinger Bürger müssen bei der Exhumierung von KZ-Opfern helfen, 1945. Minna Faltin, hinten links mit gesenktem Kopf

Wir bekamen ein kleines Zimmer am Bahnhof zugewiesen. Die Familie hieß von Fintel. Ihr Mann war noch in russischer Kriegsgefangenschaft. Er ist erst spät heimgekehrt. In ihrem Haus lebte sie, mit ihrer Mutter und ihren drei Söhnen. Der älteste Sohn hieß Martin, Bernhard und Hermann.

 

In diesem kleinen Zimmer lebten wir ca. 2 Jahre. Nach einem Antrag auf eine größere Wohnung, mußten sie uns ein größeres Zimmer geben. Das 1. Zimmer hatte ca. 6 qm. Das 2. Zimmer immerhin ca. 16 qm. 1950 bekamen wir dann endlich eine kleine 2 1/2 Zimmerwohnung von ca. 25 qm bei einem Bauern, Namens Beermann, zugewiesen. Der Hof lag direkt im Dorf. Der Bahnhof lag ca. 1 Km. vom Dorf entfernt.

 

Das Dorf hatte ca. 800 Einwohner, und mit den Flüchtlingen hatte sich die Zahl verdoppelt. Im Ort gab es einen Bäcker, 3 Lebensmittelläden, eine Schmiede und eine Schule. Eine kleine Fabrik machte Flugzeugteile für die Wehrmacht. Dann gab es noch ein Ausbildungslager der Waffen SS.

 

Als wir noch bei von Fintels wohnten, ging es uns sehr schlecht. Sie waren sehr geizig, und mochten uns Flüchtlinge nicht. Sie hatten einen großen Garten mit Obstbäumen, eine Kuh, Schweine, Schafe und Hühner. Sie gaben uns nichts ab. Es war eine schreckliche Familie. Sie sagten einmal: "Wir dürfen euch Flüchtlingen keine Gemütlichkeit einräumen, sonst werden wir euch Pack nicht mehr los".

 

Meine Mutter war sehr gekränkt, denn sie hätte das Letzte gegeben. Meine Mutter bat sie einmal um einen 1/2 Liter Milch, weil mein Bruder krank war. Sie wollte nichts geben. Aber meine Mutter hatte sie erwischt, als sie den Rahm von der Milch abnahm. Meine Mutter sagte zu ihr: ,,Wenn sie ihr keinen 1/2 Liter Milch gibt, dann zeige ich sie an. Das wirkte Wunder. Das Gesetz besagte, dass die Milch, die abgeliefert wird, nicht abgerahmt werden darf. Es durften auch keine Schweine "schwarz" geschlachtet werden.

 

Meine Mutter ging am Nachmittag  bei den Bauern auf dem Feld arbeiten. Sie zahlten die Stunde 50 Pfennig. Im Herbst, bei der Kartoffel- und Rübenernte konnte man statt des Geldes 1/2 Zentner  Kartoffel oder Zuckerrüben nehmen. Die Zuckerrüben wurden zu Hause gewaschen, geschnitzelt und dann gekocht. So wurde Sirup gemacht.

 

Alle Einwohner bekamen Lebensmittelmarken. Da stand drauf, wie viel jeder Bürger an Lebensmitteln kaufen darf. Es war so wenig, es reichte nicht zum Sattwerden. Es gab Lebensmittelmarken für Selbstversorger und für nicht Selbstversorger. Alle, die ein paar Morgen Land hatten waren Selbstversorger. Die Selbstversorger durften viel mehr an Waren kaufen.

 

Ich fand einmal mehrere Selbstversorgerkarten. Das war wie ein Geschenk des Himmels. Einmal wieder sich richtig sattessen. Geld hatten wir ja. Auf unserem Sparbuch waren ca. 10 000 Reichsmark. Dann kam, nach dem das Reich aufgelöst war, und die Bundesrepublik gegründet war, die Inflation. Das Geld wurde 1 zu 10 abgewertet. Für jeden Bürger gab es 40 Mark als Startgeld.

 

Anfang Juni 1945 verlor ich durch einen Sprengsatz den halben Daumen, den Zeigefinger und den Mittelfinger der rechten Hand. Meine Invalidität beträgt 30%. Ich bekam nach einigen Jahren 15 DM Rente - Rente durch Kriegseinwirkung. Die englischen Soldaten haben mir das Leben gerettet. Sie machten die Notversorgung, und brachten mich mit einem LKW ins Soltauer Krankenhaus. An den Resten konnten sie erkennen, das es der Zünder einer Mine gewesen war. Im Krankenhaus waren viele verwundete Soldaten und auch Kinder. Hier bei Soltau und der Umgebung, war eine Hauptkampflinie gewesen. Viel Munition  lag in den Wäldern herum.

 

Der Bahnhof in Wolterdingen, wurde auch einmal von Flugzeugen schwer angegriffen.  Hier stand nämlich ein langer Zug beladen mit Granaten aller Art. Es sollen sich sogar Gasgranaten darunter befunden haben. Die Italiener sollen dieses angeblich den Engländern verraten haben. Zu unserem Glück, stand auf dem Bahngelände ein riesiger mit Öl betankter Behälter. Diesen, und den nahen Wald, haben die Flugzeuge zersiebt. Nicht ein Schuss hat den Zug getroffen, obwohl er nur ca. 30  Meter davon weg stand. Die Soldaten sagten: ,,Wären die Granaten in die Luft geflogen, gäbe es kein Wolterdingen mehr”. Der Zug wurde anschließend weggefahren.

 

Es kam wieder ein langer Zug, der auf das Abstellgleis abgestellt wurde. In den Wagons waren KZ Häftlinge eingesperrte. Es waren Viehtransportwagons. Ein schreckliche Anblick. Die Häftlinge wurden von Soldaten in brauner Uniform bewacht. In der kurzen Zeit, wo der Zug auf dem Bahnhof stand, sind rund 800 KZ Leute umgekommen und im Wald in Massengräbern eingebuddelt worden. Ich erinnere mich noch an einen Tag, an dem sie sich mit Wasser "satt trinken" durften. Es wurden am Bahnhof 3 Wannen aufgestellt und mit Wasser gefüllt. Die "KZler" mußten sich in einer Reihe aufstellen, und bekamen dann ihr Kochgeschirr einmal gefüllt. Einer wollte einen Nachschlag, da bekam er Schläge mit einem Stock auf den Kopf. Sie wurden wieder in die Wagons getrieben und eingesperrt.

 

Tage zuvor waren einige von ihnen ausgebrochen. Einen von ihnen fanden wir Kinder erschossen im Wald. Er hatte einen Einschuss in der Stirn. Es sah aus wie eine Hinrichtung. Drei Kartoffeln waren ihm aus der Hosentasche gefallen. Zwei andere Häftlinge waren in das Haus, in dem wir wohnten, nachts eingebrochen. Sie waren durch den Stall, auf den Heuboden gestiegen, und hatten sich dort versteckt. Ich mußte morgens auf die Toilette. Ich nahm immer den kleinen Hund mit, weil ich mich immer fürchtete. Der Hund bellte, und wollte immer auf den Heuboden. Das hörte auch der älteste Sohn Martin. Er lief zu den Wachleuten, und erzählte vom Bellen des Hundes. Sie kamen, nahmen Forken und holten sie runter. Meine Mutter fragte: ,,Was wird aus Ihnen? Sie kommen in den letzten Wagen, und das war es dann”. Ob sie es überlebt haben, weiß ich nicht. Dieser Martin, der sie verraten hatte, sagte: ,, Die hätten sie gleich erschießen sollen”.

 

Ein paar Tage später waren die Wachleute verschwunden. Auch die SS Einheit vom Lager war  verschwunden. Die Engländer rückten ins Dorf ein, und befreiten die letzten KZ-Leute. Sie bekamen Quartier im ehemaligen SS Lager. Dann kam der Befehl von den Engländern. Alle Geschäfte in Soltau haben die Läden zu öffnen, und alle KZ Leute dürfen sich 2 Tage lang alles holen was sie wollen. Wer den Laden nicht öffnet, kommt vors Kriegsgericht.

 

Wir in Wolterdingen, hatten auch unter den Lagerleuten zu leiden. Denn sie zogen in Gruppen durch den Ort und plünderten. Am Bahnhof war die englische MP untergebracht. Sie beschützte uns ganz gut vor diesen Übergriffen.

 

Die englische Kommandantur gab den Befehl raus, alle erwachsenen Bewohner aus Wolterdingen haben sich am Bahnhof einzufinden. Die Leute mußten die Massengräber aufgraben, die Leichen herausholen, in Särge legen und auf dem Friedhof feierlich beerdigen. Meine Mutter mußte auch dabei helfen. In der Böhmezeitung aus Soltau erschien darüber ein Bericht mit einem Bild, worauf meine Mutter zu sehen ist, wie sie mit anderen Frauen einen Sarg trägt (siehe Bild zu diesem Abschnitt).